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Es geht -NICHT- um Radverkehr

Am 14.06.2018 referierte Frau Prof. Ineke Spapé unter dem Titel „Es geht NICHT um Radverkehr“

über die Radverkehrsplanung in den Niederlanden. Frau Prof. Spapé studierte das Fachgebiet Verkehrsplanung an der Universität Tilburg und Stadtplanung an der RWTH Aachen.

Sie arbeitet derzeit als Consultant für das Büro SOAB, Büro für Mobilität, Raumplanung und Wohnungsbau https://www.soab.nl/nieuwesite/ und als Dozentin an der NHTV Breda, University for applied sciences https://www.nhtv.nl/

Radverkehr und damit Radverkehrsplanung in den Niederlanden: es scheint, als wäre es dort immer schon so gewesen. Jeder Niederländer ist mehr oder weniger auf dem Rad geboren und die Niederlande hätten schon ewig eine Radkultur. Das war aber nicht immer so. Auch die Niederlande hatten in den 1970`er Jahren mit jährlich 3.000 Toten eine steigende Zahl von Verkehrsopfern zu beklagen. Die öffentliche Empörung, gerade auch von Eltern schulpflichtiger Kinder, führte zu einer Umsteuerung der Planung zugunsten der Fahrradmobilität. Planer, Politiker, Unternehmer und Bürger haben mittlerweile das Rad „zwischen den Ohren“. Stadtentwicklung orientiert sich heutzutage primär an den Bedürfnissen des Radverkehrs.

Auf der anderen Seite ist der ÖPNV sowohl angebots-wie nachfrageseitig deutlich weniger präsent als in Deutschland. Im Schülerverkehr ist bei einer Fahrrad-Nutzerquote von bis zu 90% kein Schulbusverkehr erforderlich.

Europäischer Spitzenreiter bei der Radverkehrsnutzung ist die Stadt Groningen mit einem Modal-Split-Anteil von 61%, einem Wert, der doppelt so hoch ist, wie in hierzulande bekannteren Radverkehrsstädten wie Amsterdam, Kopenhagen oder Münster. Groningen verfügt über eine historische Altstadt und die Studierenden der Universität machen einen großen Anteil am Gesamtverkehr aus.

Die Altstadt wurde in vier Zonen unterteilt, die untereinander auf direktem Weg nur zu Fuß oder per Rad zu erreichen sind. Pkw-Nutzer müssen außen herum fahren und benötigen entsprechend längere Fahrzeiten.

In Utrecht hat die Stadtregierung beschlossen, Pkw`s innerhalb von 6 Jahren komplett aus der Innenstadt zu entfernen, ein Fietssnellweg dort weist mit 35.000 täglichen Fahrten die landesweit höchste Nutzung auf. Ein neues Fahrradparkhaus mit 12.500 Stellplätzen war innerhalb kürzester Zeit wieder vollständig belegt. 

Die Radwege und –straßen werden mit zahlreichen innovativen Einrichtungen ausgestattet. Bei Regen werden an Ampelkreuzungen die Freigabezeiten für den Radverkehr verlängert, das gleiche geschieht, wenn ein Thermo-Sensor eine größere  Anzahl von Radfahrern registriert. Eine GPS- und App-gesteuerte „smarte“ Fahrradklingel erkennt Gefahrenstellen und klingelt dann.

Auf „Mit-Sing-Radwegen“ werden die Radfahrer zum (gemeinsamen) Singen aufgefordert.

Neben der verkehrlichen hat das Radfahren in den Niederlanden damit auch eine hohe soziale Bedeutung. Das Recht, nebeneinander zu fahren, ermöglicht Unterhaltung während der Fahrt und auch neue Kontakte. Ein rücksichtsvoller Umgang zwischen Rad- und Autofahrern entsteht, weil die meisten Niederländer beide Verkehrsmittel nutzen und sich besser in die Situation des jeweils anderen hineinversetzen können. Durch Bewegung wird zudem die Gesundheit gefördert, Arbeitgeber unterstützen daher mit zahlreichen Aktionen die Radverkehrsnutzung ihrer Mitarbeiter. Statistisch ist in den Niederlanden offenbar nachgewiesen, dass Radfahrende im Mittel 5 Kg weniger wiegen als Pkw-Nutzer. Der Anteil übergewichtiger Menschen liegt in den Süd-Provinzen mit mittelgebirgiger Topographie und entsprechend geringerer Radverkehrsnutzung deutlich über dem Rest des Landes. Beim Radverkehr ist der Anteil von Personen mit höherem Bildungsstand größer als beim Pkw-Verkehr. Die Unfallzahlen im Radverkehr sind trotz steigender Fahrleistung über lange Jahre ständig gesunken, woraus man den Schluss ableiten konnte, dass der Radverkehr umso sicherer wurde, je mehr gefahren wurde. Leider werden aber ab 2017 steigende Unfallzahlen registriert.

Es gibt unterschiedliche Ausbaustandards für Fahrradstraßen, deren Umsetzung auch von aktuell verfügbaren Finanzmitteln abhängt, andernfalls kann auch ein geringerer Standard gewählt werden. Die Normung wird aber nicht so strikt durchgehalten wie in Deutschland.

Abschließend erläuterte Frau Prof. Spapé „FreshBrains“ ein aktuelles Projekt ihrer Hochschule in Zusammenarbeit mit der Uni Wuppertal. Dort hatten gemischte Teams der Universitäten für vier deutsche Anfängerstädte (Mönchengladbach, Wuppertal, Chemnitz und Kassel) Maßnahmen zur Förderung des Radverkehrs vorgeschlagen:  

https://www.svpt.uni-wuppertal.de/home/forschung/projekte/freshbrains.html

http://edoc.difu.de/edoc.php?id=21U3C0OJ

Die zum Vortrag gezeigten Folien finden Sie im Download-Bereich