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Bike the Metropolis – Fahrradkultur und Radwegeplanung in New York City

Am 19.04 referierte Herr Dr. Arnold Voss zum Thema „Bike the Metropolis – Fahrradkultur und Radwegeplanung in New York City“

Herr Dr. Voss hat Raumplanung und Pädagogik studiert und arbeitet als  freier Publizist und Inhaber des Planungsbüros „Office for the Art of Planning-OfAP, Berlin. Über das Jahr verteilt lebt er in New York, Berlin und dem Ruhrgebiet. 

Das Wegenetz von New York, insb. dem hier betrachteten Stadtteil Manhattan stammt im wesentlichen aus den Jahren 1880 bis 1900. Das Fahrrad war zu dieser Zeit das beherrschende Verkehrsmittel. Die autogerechte Straßenplanung wurde erst ab den 1940`er Jahren durch den Stadtplaner Robert Moses vorangetrieben. Das Fahrrad verschwand in der Folge fast völlig aus dem Straßenbild. Eine Trendumkehr erfolgte in den späten 1960`er Jahren als die Stadt aufgrund ihrer Finanzlage nicht mehr in der Lage war, das ausgedehnte Straßennetz zu unterhalten und Teile davon für den Kfz-Verkehr sperren musste. Diese Strecken wurden nach und nach von jungen Fahrrad–Pionieren „zurückerobert“, so dass sich das Fahrrad als Verkehrsmittel auf Dauer wieder etablieren konnte.

Dee Stadtteil Manhattan verfügt über immer noch 50% des Arbeitsplatzangebotes der Stadt und weist eine entsprechende Verkehrsdichte auf. Vorherrschend sind dabei die  platzsparenden Verkehrsmittel, also zu Fuß oder per Fahrrad.

Ein Video des Referenten zeigte eine typische Verkehrssituation an einem signalgeregelten Fußgängerüberweg: Rotphasen werden von den Fußgängern nur als Warnung interpretiert und unterbrechen den Fußgängerstrom zumeist nicht. Die Pkw passieren den Überweg mit geringer Geschwindigkeit. Ein anwesender Polizist greift nur einmal kurzzeitig ein um einen Abbiegestau aufzulösen.

Dieses kooperative Verhalten der Verkehrsteilnehmer basiert auf einem von den Verhältnissen in deutschen Städten deutlich abweichenden zukunftsweisenden Mobilitätsverständnis, welches durch die folgenden drei Grundthesen beschrieben ist:

1.     Eine neue innerstädtische Mobilität braucht ein anderes Verhältnis der Bewohner zu ihrem eigenen Körper und zu dem ihrer Stadt.

2.     Eine neue innerstädtische Mobilität braucht ein anderes Verhältnis der Verkehrsteilnehmer zueinander.

3.     Die Entwicklung einer neuen innerstädtischen Mobilität hängt weniger von der technischen Infrastruktur als von der Fahrkultur und dem Pioniergeist der Stadtbewohner ab. 

Zentrale Begriffe sind dabei verkehrliche Regulation und verkehrliche Kooperation, sowie die Kultur des Fließens und des Gewebes. Der in New York über allem stehende Grundsatz des „Keep moving“ ist dabei der Ausgangspunkt, der aus der alltäglichen Dichterfahrung seine Bewohner entstanden ist. Sie schafft bei allen eine erstaunliche und flächendeckende Bereitschaft selbst daran mitzuwirken. 

Regulation schließt in diesem Zusammenhang auch die bewusste Deregulation mit ein. Sie korrespondiert mit der Notwendigkeit zur permanenten Kooperation, die auch auf engstem Raum funktionieren muss. Die stete Bewegung der Stadt bildet dabei nicht nur ein lineares Netzwerk, sondern auch ein ständiges personales Verkehrsgewebe des Durch- und Nebeneinanders der Verkehrsteilnehmer, dessen informelle habituelle Regeln die Stadt sowohl in Bewegung als auch sozial zusammenhält. Ganz wichtig sind dabei der systematische Abbau von Aggressionen und die systematische Stärkung der strukturell schwächeren Verkehrsteilnehmer. Das Zurücktreten von Regeln reduziert zugleich rechthaberisches Verhalten und sorgt somit für ein entspanntes Miteinander.

Der neuerliche Erfolg des Verkehrsmittels Fahrrad hat nunmehr auch einen umfangreichen Radwegebau ausgelöst, wobei das Fahren auf Radwegen wieder neue Selbstregulierungen hervorbringt. Aktuell sind 1.200 Km Radwege in NYC vorhanden, der Anteil des Radverkehrs beträgt aber über die Gesamtstadt weiterhin lediglich 7-8%, obwohl die Radverkehrsmenge seit 1990 um das fünffache gestiegen ist. Ein Verleihsystem ist ebenfalls eingeführt. Es ist aber weniger für Touristen, als für lokale Gelegenheitsnutzer vorgesehen. Fahrradmitnahme in der U-Bahn ist ganztägig möglich und führt auch in ansonsten überfüllten Zügen selten zu Konflikten mit den mitreisenden. Das vorherrschende Modell nicht nur für Kurierfahrer ist das „Fixie“, d.h. keine Gangschaltung, keine Bremsen. Kurierfahrer befinden sich - für die USA leider „selbstverständlich“ - in prekären Arbeitsverhältnissen und sind daher auf die robusten und wartungsarmen Modelle angewiesen. E-Bikes/Pedelecs kommen dagegen aufgrund der flachen Topographie und der geringen Fahrgeschwindigkeiten kaum zum Einsatz.

Abschließend gab Herr Dr. Voss folgende Verhaltensempfehlungen für eine erfolgreiche Teilnahme am New Yorker Straßenverkehr:

1)     Störe nicht den Verkehrsfluss

2)     Sei entschlossen und gib Zeichen

3)     Nimm Kontakt auf und kommuniziere

4)     Kooperiere anstatt Recht zu haben

5)     Respektiere auch den Schwächeren

6)     Rechne ständig mit allem

7)     Sei wie ein Fisch im Wasser

Weblink: www.bikenyc.org