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Carla Bormann, Deutscher Verkehrssicherheitsrat: Nationale Verkehrssicherheitskampagne: „Runter vom Gas“

Am 31.10.2013 referierte Frau Carla Bormann vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat, Bonn, zum Thema

Nationale Verkehrssicherheitskampagne: „Runter vom Gas“.

Frau Bormann ist Referatsleiterin Öffentlichkeitsarbeit und stellvertretende Pressesprecherin beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR) Bonn.

Der DVR arbeitet als bundesweit tätige Koordinierungsstelle für Verkehrssicherheitsarbeit mit 40 hauptamtlichen Mitarbeiter(innen), 350 Mitgliedsorganisationen aus den Bereichen u.a. der Automobilindustrie, Verkehrswachten, Versicherungen, gesellschaftlichen Gruppen, Kirchen, TÜV/DEKRA etc.…

Der DVR entwickelt seine Programme zentral und setzt sie dann mit Hilfe von regionalen Umsetzern vor Ort um. Themen sind z.B. die Bereiche Kind und Verkehr, Eltern, Schulwege.

Die Kampagne „Runter vom Gas“ fand im Zeitraum von 2008 – 2013 in Zusammenarbeit mit dem BMVBS statt.

Das Alleinstellungsmerkmal dieser Kampagne bestand in der ausschließlichen Befugnis, Plakate auch an Autobahnen aufzuhängen. Begleitend fanden regionale Projekte in Zusammenarbeit mit den örtlichen  Partnern sowie eine Evaluation statt.

Sie begann am 18.03. 2008 mit einer Auftakt – Pressekonferenz, auf der neben den Projektträgern auch eine betroffene Vertreterin einer Organisation von Verkehrsunfallopfern auftrat.

In der ersten Staffel wurden besonders drastische, polarisierende Plakate in Form von Todesanzeigen präsentiert. Eine mögliche Schockwirkung wurde hier als durchaus erwünscht  angesehen, um auf die rund 5.000 Verkehrstote pro Jahr aufmerksam zu machen

In der 2. Staffel wurden Unfallwracks gezeigt, in der 3. kamen Hinterbliebene zu Wort und in der 4. wurden Verletzte in Krankenhäusern gezeigt.

In Zusammenarbeit mit den Kirchen wurden themenbezogene Gottesdienste und andere Aktionen organisiert, an 1000 Feuerwachen wurden Banner aufgehängt. Der Presse wurde eine Journalistenreise zum Thema „angepasste Geschwindigkeit“ geboten mit zahlreichen „Erlebnisbausteinen“, wie einer Besichtigung der Unfallklinik Berlin – Marzahn, Crashtests, Teilnahme an Polizeikontrollen, sowie Expertengesprächen.

Über einen „runden Tisch Bundesländer“ wurden die Polizeibehörden einbezogen, die das zur Verfügung gestellte Material ebenfalls weiterverbreiteten, ebenso wie der Verband der Discothekenbetreiber und der DeHoGa.

Für die besonders gefährdete Zielgruppe der Motorradfahrer wurde 2009 während der Berliner Motorrad – Tage eine Aktion mit prominenten Motorradfahrern gestartet, und Sicherheitswesten verteilt.

Junge Fahrer wurden gezielt an Orten angesprochen, die in der Freizeit häufig aufgesucht werden: Sportplätze, Diskotheken, Kinos, und ebenso im Internet / Social Media. Die Referentin führte exemplarisch 3 Kino – Werbespots vor.

In Zusammenarbeit mit dem DFB gab es einen Fotowettbewerb für A – Jugend – Mannschaften, Führerschein – Neulinge erhielten eine Führerschein – Hülle mit Motiven der Kampagne. Ein weiterer Fotowettbewerb thematisierte das partnerschaftliche Verhalten zwischen Auto – und Radfahrern.

Bei der Evaluation wurde festgestellt, dass die erzielte Aufmerksamkeit durch die provozierenden Plakate allein nicht ausreicht, um maßgeblich zu einer Senkung der Unfallzahlen beizutragen. Ergänzend sind vielmehr Wissensvermittlung, Schaffung von Problembewusstsein, Beeinflussung von Einstellungen und letztlich Verhaltensänderungen im Straßenverkehr. Bei 3 Befragungen von 1.600 Personen wurde festgestellt, dass die Kampagne mit einem Bekanntheitsgrad von 61%, einer Akzeptanz von 63% - nachdem die provozierenden Aussagen zu Beginn noch Ablehnung hervorgerufen hatten – und einer Bereitschaft zur Verhaltensänderung von 71 % offenbar ihr Ziel erreicht hatte. Gleichwohl waren die angekündigten Verhaltensänderungen  wohl eher als Absichterklärungen zu werten, eine Umsetzung im täglichen Verkehrsverhalten nicht nachweisbar. Eine Medienauswertung führte zu gleichen Ergebnissen.

Die einzelnen Elemente der Kampagne erzielten unterschiedliche Aufmerksamkeitswerte, wobei die Autobahnplakate mit 91% deutlich vorn lagen, der Internet – Auftritt dagegen vergleichsweise unbeachtet blieb.

Die Einschätzung des Risikos blieb nur stabil, ebenso die Wirkung bei den Risikogruppen Motorradfahrer und junge Fahrer, wobei gerade Motorradfahrer häufig auf das angeblich überwiegende Fehlverhalten von Autofahrern verweisen.

In der Erfolgsbilanz von 2008 – 2010 können immerhin 100 Projekte mit ca. 60 Partnern, Printmedien in einer Auflage von 100 Mio. und eine Ansprache von 42 Mio. Fernsehzuschauern vorgezeigt werden.  Die Monothematik mit nur einem einzigen Oberbegriff hat sicherlich zu dem hohen Bekanntheitsgrad beigetragen. Die Zahl der Verkehrstoten sank in dieser Zeit von 5.000 auf 3.700. Ebenso wurde die Unfallursache „nicht angepasste Geschwindigkeit“ mit einer Reduzierung um 9,9%  vorübergehend von Platz 1 der häufigsten Unfallursachen verdrängt. Eine Mitursächlichkeit der Kampagne ist dagegen schwerlich nachweisbar.

Für die Zukunft wurde überlegt, die Dramatik der Bilder entsprechend ähnlichen Kampagnen in den USA zu steigern und z.B. auch schwerst entstellte Gesichter von „nur“ Verletzten zu zeigen. Dies hätte jedoch die Diskussion in den Bereich Opfer – Täter gelenkt und das gewünschte Thema Prävention in den Hintergrund gedrängt. Auch aus Gründen der Pietät sprechen sich DVR und BMVBS gegen solche realistischen Motive aus, die zudem laut internationalen Studien keine nachhaltige Wirkung zeigen. Von daher steht die neue Kampagne unter dem Motto „Das Leben ist schön“  wobei der erfolgreiche Slogan „Runter vom Gas“ als Untertitel beibehalten wird.

Beworbene Schwerpunktthemen werden sein die erhöhten Gefahren auf Landstraßen, das freiwillige Tragen von Fahrradhelmen und Ablenkung der Fahrer.

Entsprechende Themenplakate werden u.a. auf Lkw und landwirtschaftlichen Fahrzeugen angebracht („ich kann nicht schneller, der Gegenverkehr schon“). In der 2. Staffel ist ein Auftritt bei Musikfestivals vorgesehen, die aktuelle Staffel zeigt Plakate mit „Lebensrettern“ (Polizei, Feuerwehrleute, Bestzungen von Rettungswagen).

Abschließend betonte Frau Bormann die Notwendigkeit, Verkehrssicherheitskampagnen grundsätzlich etwa nach 2 – 3 Jahren zu überarbeiten, dies auch mit Hilfe einer neuen Agentur. Zugleich bedauerte sie in Übereinstimmung mit der Zuhörerschaft die übermäßige Präsenz von TV – Produktionen, die schnelles Autofahren weiterhin positiv darstellen und damit die Arbeit des DVR konterkarieren.

 

Die zum Vortrag gezeigten Präsentationsfolien finden Sie im Download - Bereich.

Weitere Informationen: http://www.runtervomgas.de